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3. Symposium des Internationalen Arbeitskreises für Kulturforschung des Essens

Essen und Lebensqualität.
Natur- und Kulturwissenschaften im Gespräch

23.-26. März 1999, Heidelberg

Eine Tagung besonderer Art fand vom 23. bis 26. März 1999 in Heidelberg statt. Die Dr. Rainer Wild-Stiftung hatte als einer der Träger des Internationalen Arbeitskreises für Kulturforschung des Essens zum Thema "Essen und Lebensqualität – Natur- und Kulturwissenschaften im Gespräch" eingeladen. Zentrales Anliegen des täglich von rund 100 Teilnehmern besuchten Symposiums war es, den Austausch zwischen Natur-, Kultur- und Sozialwissenschaften zu ermöglichen. Denn das Thema Essen wird zwar von allen Disziplinen bearbeitet, aber in sehr unterschiedlicher Weise. Das führt zu

  • der Unkenntnis der "anderen" Ausdrucksweisen und spezifischen Sprachen,
  • der Nichtbeachtung "fremder" Forschungstätigkeiten und Ergebnisse,
  • der Ablehnung, sich mit der eigenen Disziplin fernen Themen zu beschäftigen und
  • einer erschwerten, teilweise sogar nicht existierenden Kommunikation zwischen den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen.

Was versteht man unter Lebensqualität im Zusammenhang mit der Ernährung?

In seinem Eingangsreferat ordnete der Münchner Literaturwissenschaftler Gerhard Neumann dem Begriff Essen und Lebensqualität zwei verschiedene Sichtweisen zu. Die naturwissenschaftliche gehe von einer messbaren und abgesicherten "guten" Nahrung aus, welche die physiologisch erforderlichen Stoffwechselvorgänge sicherstelle. Auf diese Weise werde die Wahrscheinlichkeit zu erkranken vermindert und die Lebensqualität der Menschen erhöht. Für Kulturwissenschaftler dagegen sei Lebensqualität eine Sinn-, Bedeutungs- und Wertfrage. Sie sei das Produkt sozialer Bedingungen, werde von Vorschriften, Normen, Bedeutungen, Tabus und Symbolen geprägt. Neumann nannte beispielhaft drei mit der Ernährung assoziierte Bereiche, die für den Dialog zwischen den Wissenschaften gut geeignet seien: das Problem der Essstörungen und die Themen Wasser/Durst sowie Parfüm/Geruch. Im geschichtlichen Ablauf sei über Lebensqualität erst nachgedacht worden, so Neumann weiter, seit Identität und Selbstverständnis zu Problemen geworden seien, seit wechselnde Trends das Leben prägten.

In Antike und Mittelalter, so der Lübecker Medizinhistoriker Dietrich von Engelhardt, gab es den Begriff Lebensqualität als solchen nicht. Während die Antike von "neutralitas" als Drittem möglichem Zustand zwischen Gesundheit und Krankheit ausging, strebte die Medizinphilosophie des Mittelalters eine "geglückte Beziehung des Individuums zur Transzendenz" an. Diese Auffassungen stünden im Gegensatz zur heutigen Zeit, in der Lebensqualität weitgehend mit den Zielen Gesundheit, Genussfähigkeit und sozialer Leistung verbunden werde.

Aus Sicht der Wirtschaft sprach Andrea Pfeifer, Leiterin des Nestlé Forschungszentrums in Lausanne, über Trends in der Lebensmittelindustrie und die damit verbundene Verantwortung. Lebensqualität und Functional Food stünden heute in unmittelbarem Zusammenhang. Die Konsumenten wollten ihre Gesundheit erhalten und gleichzeitig Erkrankungen vorbeugen. Lebensmittel mit Zusatznutzen könnten diesen Wunsch erfüllen. Aufgabe der Industrie sei es, die ausgelobten gesundheitsfördernden Wirkungen durch Forschung wissenschaftlich abzusichern.

Für den Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann, Gießen, ist Lebensqualität ein multidimensionales Phänomen und deshalb nicht mit wenigen Maßzahlen zu erfassen. Im Gegenteil, Lebensqualität sei ebenso abhängig von Expertenurteilen wie von individuellen Präferenzen und Wahrnehmungen. Bereits "geringe" Unterschiede, wie Alter und Geschlecht, führten zu verschiedenen Bewertungen von Lebensqualität. Vielfältige, sowohl subjektive wie objektive Dimensionen gelte es zu berücksichtigen, wenn man sich mit Fragen der Lebensqualität beschäftige.

In seinen Ausführungen über Leben und Arbeit von Werner Kollath (1892–1971) griff Uwe Spiekermann, Dr. Rainer Wild-Stiftung, Heidelberg, dies auf. Diskussionen um Lebensqualität sind seiner Meinung nach immer untrennbar mit gesellschaftlichen Fragen verbunden. Der gesellschaftliche Rahmen bestimme – auch und gerade bei der auf Kollath zurückgehenden Vollwert-Ernährung – Art und Dimension von Lebensqualität. Ansichten über und Ansprüche an Lebensqualität veränderten sich mit dem Wandel der Gesellschaft und der Zeit.

Ähnlich sah es der Berliner Ethnologe Albert Wirz. Lebensqualität sei aber zusätzlich immer auch Ausdruck und Element von Macht und Machtstrukturen. Machtinteressen und Machtbeziehungen in einer Gesellschaft bestimmten weitgehend, was Lebensqualität sei. Nicht die beste Lösung setze sich durch, sondern die mächtigste. Wer Macht habe, könne die Grenze zwischen normal und anormal, zwischen Freund und Feind setzen. Wirz verdeutlichte dies an Beispielen aus Westafrika, wo die Repräsentanten der Kolonialmächte unbegrenzten Zugang zu Lebensmitteln hatten, die einheimische Bevölkerung jedoch nicht. Interessanterweise könne sich Macht jedoch ebenso im Widerstand der Ohn-Mächtigen ausdrücken. Ein Beispiel hierfür sei der Hungerstreik.

Die Gefängniskost ist ebenfalls ein Beispiel dafür, wie über Ernährung Macht ausgeübt wird. Ulrike Thoms, Historikerin aus Münster, spannte den Bogen von Wasser und Brot als einer körperlichen Strafe in der Vergangenheit hin zu der physiologisch ausreichenden Versorgung von Gefangenen in der Gegenwart. Heute gebe es eher eine geistige Bestrafung, die sich beim Essensangebot, z.B. in geringen oder keinen Wahlmöglichkeiten, in Einheitskost und Isolation äußere. Der Begriff der Lebensqualität, so Thoms, habe sich historisch von einer Harmonie der inneren Kräfte hin zur Erfüllung der körperlich-materiellen Bedürfnisse verändert. Parallel dazu nahm das Wissen des einzelnen zu. Darüber hinaus wurden Idealbilder, verbreitet durch die aufkommenden Massenmedien, von den Menschen verinnerlicht. Vorstellungen von Lebensqualität lehnten sich heute vielfach an die von Medien verbreiteten Bilder an.

Tänzerinnen und Tänzer verkörpern für viele Menschen ebenfalls ein Idealbild. Gabriele Brandstetter, Professorin für Theater- und Literaturwissenschaft in Basel, schilderte die äußeren und inneren Zwänge von Tänzerinnen, die für ihre Figur und ihre ästhetischen Bewegungen zwar bewundert würden, deren Essverhalten aber häufig anorektische oder bulimische Züge annähme. Am Essen zeige sich die extreme Zerrissenheit, die der Beruf der Tänzerin mit sich bringe. Ganz anders erlebten es dagegen die männlichen Tänzer, denen vom Publikum weniger magere Körperformen zugebilligt würden. Ein noch extremeres Bild zeichnete der Berliner Philosoph Friedrich Kittler, der sich mit Alkohol- und Drogengenuss befasste. Die Narkotisierung des Körpers führe zu einer Lebensqualität abseits einer reinen Befriedigung physiologischer Bedürfnisse. Noch deutlicher brachte Gisla Gniech, Psychologin aus Bremen, die Lust als Aspekt der Lebensqualität ein. Essen sei immer auch ein Erlebnis, das als Freude, Lust und Genuss empfunden, der Einnahme eines Aphrodisiakums ähneln könne.

Die beim Symposium präsentierten Sichtweisen, die hier nur kurz skizziert werden konnten, machen in ihrer Vielfältigkeit nachdenklich. Die Teilnehmer waren besonders dort gefordert, wo es nicht um ihr eigenes Wissensgebiet ging. Die Möglichkeiten und Grenzen des Gesprächs zwischen Natur- und Kulturwissenschaften zeigte ebenfalls das abschließende Rundtischgespräch. Es war geprägt durch den Wunsch nach einer einerseits verständlichen Ausdrucksweise – einer Annäherung der Positionen – und andererseits nach dem Erhalt der Pluralität. An diesem Spagat weiter zu arbeiten, soll Aufgabe kommender Symposien der Dr. Rainer Wild-Stiftung sein.

bullit Dieser Text von Dr. Gesa Schönberger, Dr. Rainer Wild-Stiftung, ist auch in der Ernährungs-Umschau 46 (1999) Heft 8, S. 311-312 abgedruckt.

bullit Zum Tagungsband Essen und Lebensqualität